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I n h a l t s v e r z e i c h n i s

Festansprache zur Sonderausstellung „Meisterwerke der Konditorenkunst“

Kleingebäcke „Plätzchen“

Klugheits- und Verhaltensregeln von 1870

Mispel

Orgeade, Orgead

Osterfreuden vom Konditor

Petits fours

Rote Karamel - Osterhasen

Schwarzwälder Kirschtorte

Vertrag zwischen Martin Weinkamer und Philipp Groß

Wer die Holzmodel geschnitzt hat...
 

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Wer die Holzmodel geschnitzt hat ...

Unser Museumsbestand umfasst eine große Anzahl Holzmodel, unter denen sich wahre Spitzenstücke von hohem künstlerischem Rang befinden. Bis auf die Wachsmodel in Vitrine 2 stammen alle aus dem Hause selbst. Ich habe sie 1981 zusammen mit den anderen Beständen oben auf dem Dachboden unseres Hauses (Marktstrasse 26 in Kitzingen) entdeckt. Die Holztafeln standen aufrecht in mehreren Kisten, dick überzogen mit Holzmehl und Staub. Sie wurden seinerzeit am Bayerischen Nationalmuseum in München fachgerecht gereinigt und wo nötig gefestigt. Bei Führungen werde ich immer wieder gefragt wer diese Formen wohl geschaffen hat. War es der Konditor selbst, oder gab es andere Spezialisten bzw. Künstler, die sich mit der Herstellung solcher Model befassten, oder waren alle Genannten daran beteiligt. Für Letzeres spricht, dass zwischen den einzelnen Model jedenfalls große qualitative Unterschiede festzustellen sind.

Hauptsächlich waren es fahrende Modelstecher, die mit ihrem Handwerksgerät von Ort zu Ort zogen und im Hause des Meisters für einige Zeit wohnten und auf Bestellung arbeiteten. Ihre Vorlagen waren Mode-Journale, Kupferstiche, Fürstenporträts, Genrebilder u.ä. Sie standen bei ihren Auftraggebern, den Konditoren und Lebküchnern im hohen Ansehen. So war es Ihnen erlaubt am Tische traditionell zur Rechten des Meisters sitzen. Oft hatten diese berufsmäßigen Modelstecher auch fertige Ware im Gepäck. Wir haben z.B. einen prächtigen Reitermodel aus dem Jahre 1797 (Vitrine 8), bei dem in der linken oberen Ecke der Preis, nämlich f 4 = 4 Gulden, eingraviert ist. Übrigens für damalige Zeiten ein horrend hoher Betrag! Der eingekerbte Preis könnte auch ein Hinweis darauf sein, dass der Modelstecher seine Ware auf einer Verkaufsveranstaltung, z.B. der Frankfurter Messe, angeboten hatte. Oft fertigten die Modelstecher von einem einzigen Motiv eine ganze Serie in verschiedenen Größen (Vitrinen 7 und 8). In Kitzingen hat der Schreiner Jonaß Gulden um 1600 Holzmodel hergestellt. Sein Verlassenschaftsinventar von 1612 enthält neben Schneidwerkzeug auch "vier alte Gerbmödel, drei Streichmödel und neun Mödel, da man daß Pappier darauff truckht" . Im späten 18. Jahrhundert ist in Kitzingen der berufsmäßige Formschneider und Knopfmacher Johann Ignatz Schlecht nachgewiesen (Julius Schwarz).

Auch die Lebküchner und Konditoren selbst versuchten sich im Modelstechen, schon allein deshalb, weil früher die Fertigung eines Model als Gesellenstück vorgeschrieben war. Einzelne erlangten dabei hohe Meisterschaft, wie der Regensburger Lebzelter Timoteus Prunner, dessen prächtige Rundmodel aus dem 17. Jahrhundert sich im Bestand des Germanischen Museums in Nürnberg befinden. Andere Handwerker brachten kaum Durchschnittliches zustande. Welcher Lebküchner oder Konditor in unserem Hause selbst Model hergestellt hat, ist unbekannt. Allerdings habe ich auf dem Dachboden auch Schnitzwerkzeuge, Malvorlagen, unbearbeitete Holztafeln, sowie Tafeln mit unvollendeten Schnitzereien gefunden. Das sind genug Beweise dafür, dass in diesem Hause Model gestochen wurden.

Unsere Holzmodel stammen hauptsächlich aus der 2. Hälfte des 18. und den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Es ist ganz auffallend, dass gerade in dieser Zeit besonders schöne und prächtige Exemplare entstanden sind. Es gibt dafür viele Gründe. Einer erscheint mir sehr naheliegend: In dieser Epoche vollzogen sich als Auswirkung der Französischen Revolution auch in Franken große soziale Veränderungen. Als Folge davon wurden viele begabte Kunsthandwerker, die vormals ihr Brot bei den Feudalherren verdienten, "arbeitslos", zumindest aber gingen die Einkünfte zurück. Sie waren deshalb gezwungen, ihre Kunst auch anderweitig anzubieten, um sich so ein Zubrot zu verdienen. Es liegt nahe, dass einige dieser begabten Künstler sich u. a. auch mit der Herstellung von Holzmodel befassten. Es waren hauptsächlich Holzschnitzer, aber auch Goldschmiede, Medailleure und Kupferstecher. Aus diesem Kreis stammen offensichtlich die Spitzenstücke.

Leider sind nur wenige unserer Model mit den Initialen des Modelstechers ausgestattet. Folgende Initialen sind auf unseren Model zu finden: IFL, IA, GK, JA, ILS, FS, M. Bis heute ist es mir nicht gelungen, die dazu gehörigen Namen ausfindig zu machen. Lediglich die Initiale IFL habe ich auch auf einen Model des Historischen Museums Wertheim entdeckt. Beide Model sind von ähnlicher Qualität und könnten vom selben Künstler stammen. Übrigens hat nicht selten der Konditor seine eigenen Initialen quasi als Handelsmarke in die Figur einarbeiten lassen, oder mittels einer solchen Kartusche außerhalb des Bildes sein Eigentum gekennzeichnet. Viele unserer Model tragen die Kartusche GK. Es könnte sich um die Initialen des Konditors Georg Künerth handeln, der von 1863-1876 im Hause tätig war. Die Model sind aber viel älter.

Die Modelstecher verwendeten hauptsächlich Birnen- und Apfelholz für Ihre Arbeiten. Diese weichen Obsthölzer waren hervorragend für die Herausarbeitung der feinen und feinsten Strukturen geeignet. Trotzdem waren sie robust genug, den beruflichen Beanspruchungen, wie Druck, Schlag und Feuchtigkeit, standzuhalten. Allerdings sind diese Hölzer besonders anfällig für Holzwurmbefall. Je nach dem künftigen Verwendungszweck wurden sie tief oder flach geschnitten. Die tiefgeschnittenen Lebkuchenmodel sind auch noch mit ca 0,5 cm hohen Rändern ausgestattet, um den zähen Honigteig in die richtige Form zu bringen. Unsere Modeltafeln sind alle längs zur Faser geschnitten.

Walter Poganietz

Conditorei-Museum Kitzingen am Main      

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