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Festansprache zur Sonderausstellung „Meisterwerke der Konditorenkunst“

Kleingebäcke „Plätzchen“

Klugheits- und Verhaltensregeln von 1870

Mispel

Orgeade, Orgead

Osterfreuden vom Konditor

Petits fours

Rote Karamel - Osterhasen

Schwarzwälder Kirschtorte

Vertrag zwischen Martin Weinkamer und Philipp Groß

Wer die Holzmodel geschnitzt hat...
 

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Vertrag zwischen Martin Weinkamer und Philipp Groß

Vertrag
zwischen Martin Weinkamer dahier, einerseits
und Philipp Groß eben dahier, andererseits
ist heute folgender
Lehr - Contract
abgeschlossen worden:

  1. Tritt Ignaz Weinkamer, Sohn des obenbenannten Kaufmanns Martin Weinkamer dahier bey mir auf 4 Jahre in die Lehre, um die Conditorey, Wachszieherey und Lebküchnerey zu erlernen; dagegen verbindet sich Ersterer

  2. für Lehre und Kostgeld auf 4 Jahre 250 fl., - sage mit Worten -zweihundert und fünfzig Gulden rhn.- zu zahlen, und zwar die eine Hälfte des Lehr- und Kost-geldes sogleich beym Eintritte in die Lehre, und die andere Hälfte in einem Jahre von dieser Zeit an.

  3. Es hat sich genannter Lehrling in die Hausordnung zu fügen, wornach es demselben vorzugsweise abends, wie auch zu sonstiger Zeit auszugehen nicht erlaubt ist, wenn es die Geschäfte nicht erfordern.
    An Sonn= und Feyer=tagen ist derselbe verbunden, dem Gottesdienste beyzuwohnen und hernach wieder an sein Geschäft zu gehen. Spaziergänge sind demselben nur an Sonn- und Feyertagen abwechslungsweise mit den anderen Lehrlingen zu bestimmten Stunden, und wie es die Zeit erlaubt, gestattet, und Wirthshausgehen gänzlich und strengstens untersagt.

  4. Er muß sich allen im Geschäfte vorkommenden Arbeiten unterziehen, und darf sich keiner Arbeit schämen, seine Kleider und Schuhe selbst reinigen, die Backstube reinhalten, auskehren, wie auch kalt schlafen. Dabey ist hauptsäglich erforderlich, daß derselbe während seiner Lehrzeit unverdrossen fleißig, aufmerksam, lernbegierig, sittlich, ehrlich und getreu ist, und hauptsäglich tiefes Stillschweigen sowohl über den Geschäftsgang, als auch über Anfertigung der verschiedenen Arbeiten beobachtet; alle Näschereyen sind strengstens verboten, vorzüglich das Fortschleppen verfertigter Waren aus dem Hause. Im Falle erwiesener Untreue wird derselbe ohne Zeugniß und mit Verlust seines ganzen Lehrgeldes nebst vollem Ersatz des Entwendeten von mir entlassen. Auch ist es strengste Pflicht des Lehrlings, alle Veruntreuungen eines anderen Lehrlings im Hause, so wie alles Pflichtwidrige dem Lehrmeister sogleich anzuzeigen, wo im entgegen gesetzten Falle Derselbe so gut als eigener Thäter betrachtet werden wird. Für anständigen Unterhalt der Kleider, Reinigung der Leibwäsche und sonstigen Bedürfnisse, wie auch für Auslagen beym Aufdingen und Freysprechen, und Spitalgeld hat dessen Vater zu sorgen.

  5. Dagegen macht sich der Lehrmeister Ph. Groß verbindlich, nachdem alles Vorhergesandte pünktlich erfüllt wird, dem Ignatz Weinkamer gehörige und anständige Kost und Logis zu ertheilen, demselben die Wachszieherey, Lebküchnerey und Conditorey, Modelliren, Abformen, Zeichnen, Formstechen und dem Nöthigsten vom Vergolden und Malen gründlich zu lehren, und auf seine sittliche und moralische Ausbildung nach Kräften zu wirken, um einen Menschen ähnlich heran zu bilden, der als Geschäftsmann auch in allen honetten Zirkeln aufzutreten im Stande seyn wird.

Dieser Contract wurde von beyden Theilen genehmigt, zwey gleichlautende Exemplare ausgestellt, und jedem betreffenden Theile eines davon eingehändigt.

Kitzingen, den 22ten Juny 1839

Ph: Groß
als Lehrmeister des Ignatz Weinkamer

Martin Weinkamer

Zweyhundert Gulden rhn: unter Heutigen hiervon erhalten zu haben, bescheinet hiermit

Kitzingen den 22ten Aug. 1839

Ph: Groß

Ferner heute fünfzig Gulden rhn: richtig eben erhalten zu haben bescheint anmit Eigenhändig am 1ten Septbr. 1840

Ph: Groß


Erläuterungen

zum Lehrvertrag Philipp Groß / Martin Weinkamer, betr. dem Lehrling Ignaz Weinkamer,  vom 22. Juni 1839. Von Walter Poganietz

Als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die beginnende industrielle Gewinnung von Zucker aus der heimischen Zuckerrübe zu einer dramatischen Verbilligung des ehedem sündteueren Süßstoffes führte, begann der unaufhaltsame Abstieg der Honigbäcker und der Aufstieg der Zuckerbäcker. Es war die Geburtsstunde der modernen Konditorei. Den traditionellen Honiggebäcken sagte man plötzlich nach, sie seien der Gesundheit abträglich und besonders für den Magen schlecht. Dagegen standen die nun erschwinglichen Zuckergebäcke in der Gunst der Bürger ganz oben. Viele Lebküchner passten sich den veränderten Verbraucherwünschen an, indem sie zusätzlich Zuckerbäckereien in ihr Sortiment aufnahmen. Die Söhne der alten Lebküchner erlernten meist das Konditorhandwerk.

Diese Entwicklung vollzog sich auch im Hause Marktstrasse 26 in Kitzingen, in dem seit Anfang des 18. Jahrhunderts Lebküchner ihr Handwerk ausübten. Das Gebäude befindet sich seit 1892 im Besitz unserer Familie. In den Obergeschossen ist heute das Conditorei Museum untergebracht. Der erste Konditor in diesem Haus war Philipp Groß, dessen Vater noch Lebküchner war. Von diesem Philipp Groß hat sich ein Lehrzeugnis aus dem Jahre 1839 erhalten, das sich heute im Archiv der Familie Weinkamer in Salzburg befindet. Der Vertrag dokumentiert letztendlich auch den Übergang des Lebküchnerhandwerks zum Konditorhandwerk.

Die Kaufmannsfamilie Weinkamer besaß am Markt in Kitzingen das Haus mit der barocken Fassade links neben der ehemaligen Lebküchnerei. Der Lehrling Ignaz Weinkamer, der eigentlich Buchdrucker werden sollte, ist nach erfolgreichem Abschluss seiner Lebküchner- / Wachszieher- / Konditorlehre im Alter von 17 Jahren auf Wanderschaft gegangen. Aus dem noch vorhandenen Wanderbuch wissen wir, dass seine Wandererlaubnis sich auf das Königreich Bayern und den k. und k. österreichischen Ländern erstreckte. Er kam in viele bayerische Städte und bis nach Prag und Wien. Im Jahre 1862 wurde er in Salzburg ansässig und machte sich gleichzeitig selbständig. Er wird aus dem königlich bayerischen Untertanenverband entlassen und nimmt die österreichische Staatsbürgerschaft an. Ignaz Weinkamer ist der Stammvater der bekannten Wachszieherei und Wachsbildnerei Weinkamer in Salzburg, die bis in unsere Zeit weit über die Grenzen Salzburgs bekannt geworden ist. Das Lieferprogramm im 19. Jahrhundert umfasste z. B. Glasstürze mit und ohne Postament, wächserne Jesuskinder in 14 verschiedenen Größen und ebenso Gloria – Engel, Hände und Füße für Krippenfiguren, daneben auch verzierte Wachsstöcke und Kerzen. Vielerlei Wachsgalanteriewaren und „Wachsobst zum Öffnen mit Überraschungseffekt“ rundeten das vielseitige Sortiment ab.

Walter Poganietz

Conditorei-Museum Kitzingen am Main      

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